Ich stütze mich auf die indische Madhyamaka -Tradition, die darlegt, dass der Pfad zur Befreiung ein Prozess ist. In dieser Tradition wird auch nicht gelehrt, dass wir alle schon Buddhas sind, es aber nur noch nicht bemerkt haben. Denn diese Vorstellung würde der dritten edlen Wahrheit widersprechen.
Also, wenn ich von diesem Prozess ausgehe, dann passiert die Befreiung in der Zeit, so auch diese dritte edle Wahrheit. Aber was ist die Zeit? Das ist die Konstruktion unseres Denkens, denn wir leben immer im Hier und Jetzt. Und dieser Augenblick, während ich es abtippe, ist auch nicht zu fassen. Die Vergangenheit ist schon nicht mehr da, die Zukunft ist noch nicht da.
Kommen wir jetzt zum Theravāda, denn Dharma ist zeitlos, also Akālika. So lese ich bei Ñānananda Bhikkhu, und zwar in seinem 14. Vortrag über Nibbāna:
„Was auch immer du als seiend erkennst,
sei es oben, unten und quer durch die Mitte,
vertreibe die Freude und Neigung, dich darin niederzulassen,
dann wird dein Bewusstsein nicht im Dasein verbleiben.
Ein Mönch, ausgestattet mit Verständnis,
auf diese Weise achtsam und eifrig weilend,
seinem Wandel getreu, allen Besitz aufgebend,
wird sogar hier und jetzt
Geburt, Verfall, Sorge, Jammer und Leid aufgeben.“
Das in der zweiten Strophe auftretende Wort idh'eva ist von großer Wichtigkeit, gemeint ist das Aufgeben von all diesen Dingen hier und jetzt und nicht das Verschieben auf eine zukünftige Existenz.
Im Mahāviyūhasutta des Sutta Nipāta wird auch ein ähnlicher Schwerpunkt auf diese Idee des „Hier und Jetzt“ gelegt. Über den Heiligen wird gesagt, dass es für ihn hier und jetzt weder Tod noch Geburt gibt – cutūpapāto idha yassa natthi, „Für einen Solchen gibt es selbst hier weder Tod noch Geburt“. Genau in dieser Welt hat er sie überwunden, indem er diese beiden Konzepte bedeutungslos machte.
S. 402 im PDF.
Dazu passt zum Beispiel dieser Abschnitt:
„Es ist nicht der Fall, Freund, dass ich aufgebe, was hier und
jetzt sichtbar ist, um dem nachzulaufen, was Zeit erfordert.
Im Gegenteil, ich gebe auf, was Zeit erfordert, und laufe dem
nach, was hier und jetzt sichtbar ist. Denn der Erhabene hat
gesagt, dass sinnliche Freuden Zeit einbeziehen, erfüllt von
viel Leiden, viel Verzweiflung, und dass weitere Gefahren in
ihnen lauern. Der Dhamma ist hier und jetzt sichtbar, zeitlos;
er lädt ein, sich zu nähern und zu sehen, ist weiterführend und
er kann vom Weisen persönlich verwirklicht werden.“
S I 9 Samiddhisutta – S 1:20
S. 883, PDF.
Sind wir alle Buddhas oder nicht, sei dahingestellt, aber diese dritte edle Wahrheit ist sehr gut mit der Zeitlosigkeit der Befreiung vereinbar, denn das Leben, wie es ist, passiert immer im Hier und Jetzt.
Reiner Citta ist eigentlich das, was nicht geboren ist, deswegen kann es auch nicht sterben.
„Die reine Natur des Citta entsteht und endet nie. „
So Phra Ācariya Mahā Bua Ñāṇasampanno.
Also, was Zen anbelangt, das ist nicht so abwegig, wie diese Einstellung auf den ersten Blick erscheint. Immer kommt es darauf an, wie und wer die Sutren interpretiert. Der Begriff Akālika wird so allgemein ausgeblendet, dass man über das Leben nach dem Tod und die Wiedergeburten ohne Ende spricht. Ich übertreibe, aber es gibt auch die andere Art und Weise, das Ganze zu sehen.
Na gut, abschließend zur Wahrnehmung und der Interpretation noch ein sehr einfaches Beispiel. Meine Katze sieht auf dem Monitor keine Buchstaben, sondern nur Linien, sie kann damit nichts anfangen. Ich kann dank des Wissens der Sprache diese Linien als Buchstaben interpretieren, also nur dann kann ich lesen.
Das Problem ist immer dasselbe. Zum Beispiel sehe ich im Grunde genommen keine Blume auf der Wiese, sondern bestimmte elektromagnetische Schwingungen geraten in mein Gehirn. Aber nur dann, also danach kann ich dieses rohe Material der Erfahrung überhaupt interpretieren, früher geht es nicht.
Nochmal zur Madhyamaka-Tradition.
Prof. Masao Abe wurde schon von mir zitiert.
Für einen Buddhisten ist Nirvana das Ziel, das er durch das Hinter-sich-Lassen des Samsara erreichen kann. Will man sich vom Leiden befreien, darf man nicht dem Samsara verhaftet sein. „Während seiner ganzen Geschichte hat der Mahayana -Buddhismus immer gesagt: Verweile nicht im Nirvana. Er hat aber auch immer gesagt: Verweile nicht im Samsara. Verweilt man im sogenannten Nirvana, weil man das Samsara transzendiert hat, ist man noch nicht frei vom Festhalten, denn man haftet noch am Nirvana, und dieses Unterscheiden zwischen Nirvana und Samsara wirkt sich einschränkend aus.“ (Masao Abe, „Zen and Western Thought“)
Weiter führt er aus, warum ausgerechnet dieses"
freie Pendeln zwischen Samsara und Nirvana, zwischen Nirvana und Samsara, das wahre Nirvana im mahayanistischen Sinne ist".
Ich habe bei
@Helmut um eine Erklärung gebeten, aber leider warte ich bis heute.
Was dann diese Frau Anne MacDonald sagt, also im Sinne: „Das Nirvāṇa ist daher kein Jenseits und auch – streng genommen –
nicht etwas, das man erlangen müsste“, das klingt für jeden Theravada-Buddhisten total missverständlich, wenn nicht sogar verwirrend.
Also haben wir enorm viele Interpretationen: von der reinen traditionellen Sichtweise, irgendwann in der Zukunft, bis hin zu diesem freien Pendeln zwischen Samsara und Nirvana, und zusätzlich noch die Aussage, man solle Nichts erlangen. Das passt eher zu Advaita, scheint mir, und hat mit dem Buddhismus, so wie ich ihn verstehe, nicht mehr zu tun. Und Nichts zu suchen. Oder?
