Ich kann dir den Dharma, so wie er für mich der direkte Zugang zum realen Leben im Hier und Jetzt ist, nicht erklären. Es läuft nur darauf hinaus wie in dem Beispiel mit den Blinden und dem Elefanten: "Es ist ein Wedel" "Nein, es ist eine Säule"
Aber immer wenn ich es versuche widersprichst du, oft mit einem Haufen widerlegender Zitate.
Zuerst sagst du, dass es nicht möglich ist, Dharma zu vermitteln, und dann machst du mich dafür verantwortlich.
Aber ich kann alles mit eigenen Worten beschreiben, ohne Fachbegriffe zu verwenden.
Wenn ich als normaler Mensch eine Blume auf der Wiese wahrnehme, ergreife ich sie sofort. Ich verhalte mich wie ein geistiger Konsument: Ich denke, wie schön sie ist, und deshalb meine ich, ich sollte sie abschneiden und jemandem schenken. Das ist das sogenannte normale Verhalten des Menschen.
Der erwachte Geist hingegen würde in dieser Blume die allumfassende Bedingtheit sehen (Ursachen und Bedingungen der verschiedenen Faktoren), wie etwa den Nährboden, das Wasser, wie viel davon vorhanden ist usw. – also ihre Leerheit, wie es die Texte ausdrücken. Die Blume besteht aus vielen Teilen, und zusätzlich bezeichnen wir sie als „Blume“.
Beim erwachten Geist würde dies ein allumfassendes Mitgefühl hervorrufen – nicht nur gegenüber dieser Blume, sondern gegenüber allem Lebendigen. Denn er sieht alles wie im
Indra -Netz: nichts ist getrennt. Das ist eine völlig andere Sichtweise als das bloße Konsumieren oder "Auskosten" der Welt, als ob sie mir gehören würde.
Denn es gibt nichts, was mir gehört oder mich ausmacht. Alles ist Teil eines Netzes von Bedingungen, in dem kein Ding letztlich fest verortet oder wirklich auffindbar ist.
Das würde vermutlich Demut hervorrufen, ebenso wie Verwunderung darüber, dass all diese Schönheit – sowohl die Wiese als auch die Blumen – überhaupt möglich ist.
So, das war auf die Schnelle mein erster Versuch.
Die zweite Geschichte gehört zur Waldklostertradition und wurde früher aufgeschrieben. Schauen wir mal.
Einmal waren im Kloster junge, hübsche und schlanke Frauen, um etwas über das Dhamma zu erfahren. So viele Männer – und dazu noch Mönche. Ha ha ha, weiter möchte ich das nicht ausführen.
Nach der Veranstaltung fragte Ajahn Chah Ajahn Sumedho: „Wie war es?“
Und Ajahn Sumedho antwortete: „Ich mag sie wirklich sehr – ich habe es genossen, aber ich will es nicht.“
Auf den ersten Blick erscheint diese Antwort nicht besonders einleuchtend. Und doch: Durch Kontakt entsteht ein Gefühl, auch Begehren entsteht – aber kein Anhaften mehr. Jeder Kontakt enthält sogar die ganze Kette in sich.
Es geht niemals darum, die Augen zu verschließen, sondern im Gesehenen nur das Gesehene zu sehen, im Gehörten nur das Gehörte – und so weiter. Das kann man als eine Art grundlegende „Technologie des Erwachens“ verstehen.
Der normale Mensch würde begehren und sofort zugreifen. Das läuft wie ein Konditionierungsmuster ab – Menschen verhalten sich tatsächlich oft wie durch Hormone gesteuert, also kopflos, im wahrsten Sinne des Wortes.
Deswegen kann man alles genießen – für einen normalen Menschen gehört auch Sexualität dazu –, aber ohne daran zu haften. Denn alles ist vergänglich.
Ich denke, dafür braucht man sehr lange Praxis. Am Ende kann man es so verstehen, dass alles mit einem innerlich verbunden erscheint. Diese schwer zu fassende Leere und das unermessliche Mitgefühl sind wie zwei Seiten derselben Medaille. Die Parallelen vom tibetischen
Buddhismus bis hin zum
Zen sind kaum zu bestreiten.
Noch mehr: Es stellt sich dann nicht mehr die Frage, ob es ein Atman gibt oder nicht. Weg mit der ganzen Metaphysik und der komplizierten Kette der bedingten Entstehung. Zurück ins Leben: genießen – aber nicht daran festkleben.
Also, schon zwei Geschichten – und nicht aus den Sutren oder heiligen Texten.
Versuche es auch.
Dharma ist nur dann lebendig, wenn ich es im Hier und Jetzt anwenden kann. Ansonsten bleibt es wie eine Plastikblume im Album – aber keine lebendige Blume auf der Wiese.
Ich klammere mich an keine Texte. Ich kann sie alle verbrennen – sogar „den Buddha töten“. Das ist natürlich nicht wörtlich gemeint, sondern so, wie es im Zen verstanden wird.
Denn alle Texte sind nur Modelle, Schemata, Karten – aber nicht die Realität selbst.