Das ist echt bemerkenswert, wie du, lieber Helmut, dir so viel Mühe gibst, Theravāda mit dem Mahāyāna zu vermählen.
Darum geht es überhaupt nicht. Was im Theravada gelehrt wird und was im
Mahayana gelehrt wird, geht auf die überlieferten Lehrreden des Buddha zurück. Dabei stützt sich das Theravada auf den Palikanon und das Mahayana hauptsächlich - aber nicht nur - auf die Sanskrit-Sutras. Es gibt viele inhaltliche Übereinstimmungen:
die vier edlen Wahrheiten , die drei Arten des abhängigen Entstehens und die zwölf Glieder des abhängigen Entstehens, das Gesetz von Handlung und Wirkung, die Selbstlosigkeit der Person, dass die Ansicht der vergänglichen Anhäufung als ein wahres "Ich" und "Mein" die Wurzel Samsaras ist usw.
Auch das was Buddha Sakyamuni in SN 22.59 über die Nicht-Identität von Skandhas und Selbst lehrt, wird im Mahayana akzeptiert. Die Analogien, die der Buddha in SN 22.96 benutzt, um aufzuzeigen, dass Körperlichkeit, Gefühl, Wahrnehmungen usw. leer oder frei sind von einem Kern werden genauso im Mahayana benutzt. Auch SN 22.96 wird im Mahayana akzeptiert. Mir fällt jetzt leider kein Sanskrit-
Sutra ein, dass auch von Theravadins akzeptiert wird. Wahrscheinlich weißt du eines.
Ich halte es für falsch, Theravada und Mahayana konfrontativ gegeneinander zu stellen, als sei das eine Lehre des Buddha und das andere nicht.
Wenn ich das Auto auseinandernehme, ist es kein Auto mehr, oder? Wenn ich alles wieder zusammenbaue, dann kann das Auto fahren? Ist es dann im ersten Fall kein Auto, sondern nur eine Ansammlung von Teilen, aber im zweiten ist es schon da? Gibt es Auto oder nicht?
Darüber gibt es ausführliche Debatten zwischen den buddhistischen Schulen. Candrakirti benutzt hierzu die siebenfache Analyse des Wagen. (Das Beispiel mit dem Wagen gibt es auch in
Milindapanha ). Die siebenfache Analyse anhand des Wagens überträgt Candrakirti dann auf das Selbst.
Die sieben Punkte seiner Analyse sind:
- Der Wagen ist nicht identisch mit seinen Teilen
- Der Wagen existiert nicht getrennt von seinen Teilen
- Der Wagen ist nicht in seinen Teilen vorhanden
- Der Wagen ist nicht etwas worin die Teile enthalten sind, so als wäre der Wagen das Gefäß für seine Teile
- Der Wagen ist nicht der Besitzer seiner Teile
- Der Wagen ist nicht die Gestalt seiner Teile
- Der Wagen ist nicht die Ansammlung seiner Teile.
Das Ergebnis der Analyse ist - kurz gesagt - , dass der Wagen auf keine dieser sieben Arten existiert, sondern nur in Abhängigkeit von Ursachen, Bedingungen und Teilen existiert und kein Eigenwesen besitzt bzw. ohne Kern ist wie es in es in SN 22.95 heißt.
So wie Körperlichkeit, Gefühl usw. keinen Kern, also kein Eigenwesen besitzen, so gilt dies auch für das Auto. Es gibt kein Auto an sich, aus sich selbst heraus. Wenn bestimmte Teile in einem abhängigen Produktionsprozess auf eine bestimmte Weise zusammengesetzt werden und dann das so entstandene Phänomen die Funktion erfüllen kann, zum Beispiel Personen von A nach B zu befördern, dann gibt es für uns ein Phänomen, dem wir den Namen
Auto geben. Solange die Teile, die für die Herstellung des Autos erforderlich sind, nur im Lager liegen, gibt es noch kein Auto. Wenn ich das Auto in seine Teile zerlege und diese auf einen Haufen lege, dann gibt es das Auto nicht mehr, den dieser Haufen von Teilen erfüllt nicht mehr die Funktion eines Autos. Wir haben dann nur noch eine Erinnerung an ein Auto, das früher mal existiert hat.