Ich antworte jetzt nur für mich persönlich, also auf der Basis, wie ich damit arbeite und umgehe.
Wie würdet ihr Projektionen definieren?
Für die Arbeit mit meinem Geist relevant sind Projektionen Eigenschaften/Geistesfaktoren, die ich an mir selbst ablehne, weil ich sie als negativ definiere. Dennoch sind diese Geistesfaktoren/Eigenschaften ja in meinem Geist vorhanden und wirken. Weil sie aber nicht in mein Bild von mir selbst passen, übertrage ich sie auf andere.
Und wie erkennt ihr Eure eigenen Projektionen?
Eigentlich kann man Projektionen nicht selbst erkennen, weil man diese Eigenschaften so sehr für sich ablehnt. Deswegen ist da eine fachliche Begleitung sicher das Mittel der Wahl. Ehrlich gesagt hoffe ich immer auf furchtlose Freund*innen, die mir das sagen. Aber darauf verlassen kann man sich nicht, Höflichkeit und so.
Wie ich versuche, sie zu erkennen:
Achtsamkeit ist dabei die Grundlage. Und Vers 36 der 37 Übungen eines
Bodhisattva : Schaue unablässig auf den Zustand deines Geistes.
Das ist die Basis.
Und dann hat sich mit ein Spruch von Oliver Petersen in einem Arbeitskreis eingeprägt: "Was Hänschen über Hans sagt, sagt mehr über Hänschen als über Hans."
Wenn ich also jemandem eine schlechte Eigenschaft oder etwas Negatives zuschreibe, begebe ich mich mit einem hoffentlich ausreichendem Maß an Achtsamkeit an die Stelle des Hänschens und suche in meinem Geist nach der schlechten Eigenschaft. Ich werde dann auch meistens fündig.
Mir hilft das, seit ich den Spruch gehört habe.
Durch die Trump- und Merz-Regierung kursiert in politischen Diskussionen auch der Spruch "Every accusation is confession." Der wäre kürzer und knackiger und man käme mit den verschiedenen Hans-Hüten nicht durcheinander, die man sich ja aufsetzen müsste.
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Edit: Ich habe mal in meinen Arbeitskreis-Notizen nachgeschaut, in welchem Zusammenhang Oliver das gesagt hat. Es ging um reine Wahrnehmung und - tadaaaaa - Projektionen.
Da du nach einer Definition gefragt hattest, hier ist die von Oliver:
Projektion: man sieht etwas im anderen – dies muss aber nicht richtig sein, weil es aus dem eigenen Innern kommt
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Noch ein Edit: Wenn ich sage "ich werde meistens fündig" heißt das nicht, dass die Sache erledigt ist. Die Ablehnung bleibt ja. Aber dann weiß ich zumindest, wo ich regelmäßig hinschauen und daran arbeiten muss.